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Ein digitaler Assistent für intelligentere Reparaturen

Navigation Jan. 19, 2021
Waschmaschine initial

Die Ökodesign-Verordnungen der EU zielen auf mehr Nachhaltigkeit und die Durchsetzung der Kreislaufwirtschaft. Daraus ergeben sich Herausforderungen und Chancen.

von Guido Walter

Die Ökodesign-Verordnungen der EU zielen auf mehr Nachhaltigkeit und die Durchsetzung der Kreislaufwirtschaft. Kühlschränke, Waschmaschinen und andere Geräte müssen ab 2021 so konstruiert sein, dass sie leichter zu reparieren sind. Automobilhersteller müssen diese Vorgaben schon länger erfüllen. Spread unterstützt sie dabei, Reparaturanleitungen mit Hilfe digitaler Tools intuitiver zu machen.

Wer bei Google das Wort „Reparatur“ eingibt, der stößt ganz schnell auf Klagen von zornigen Verbrauchern. Etwa diese auf der Webseite von Ifixit, einem weltweiten Netzwerk von Reparaturbetrieben: „Meine Waschmaschine startet nur, nachdem ich die Tür mehrmals geöffnet und geschlossen habe. Ich vermutete ein Kontaktproblem: die Maschine dachte, die Tür wäre noch offen und hat deshalb nicht begonnen, zu waschen. Ich habe im Internet keine Reparaturhinweise gefunden, aber Leute fragten mich, welcher Kontakt für welche Funktion zuständig sei. Deshalb habe ich während der Reparatur Fotos gemacht und versucht herauszufinden, was die Kontakte machen.“

Bei Unternehmen, die mit Nachhaltigkeit hadern, ist der Reparierbarkeits-Index von Ifixit gefürchtet. Denn der Wunsch der KundInnen nach schnellen und günstigen Reparaturmöglichkeiten oder einem leicht verständlichen Handbuch wird nur allzu oft enttäuscht. Rascher Verschleiß und fixer Geräteaustausch gleich schnelles Geld für den Hersteller. „Geplante Obsoleszenz“ nennt das der Autor Stefan Schridde. Doch im letzten Jahr hat die EU-Kommission diesem Treiben einen Riegel vorgeschoben. Kühlschränke, Waschmaschinen, Fernseher und andere Geräte müssen ab 2021 so konstruiert sein, dass sie leichter zu reparieren sind. Ersatzteile für Produkte wie Kühlschränke, Waschmaschinen, Trockner und Geschirrspüler müssen noch Jahre nach dem Verkauf vorgehalten und binnen 15 Arbeitstagen lieferbar sein. Zudem will die EU-Kommission, dass Kunden über Instandhaltung und Reparatur von Geräten besser informiert werden. Softwareaktualisierungen und Sicherheitsupdates sollen dafür Sorge tragen, dass Geräte länger genutzt werden können.

Maschinen lernen, komplexe Produkte zu verstehen

Die Haushaltsgerätehersteller können sich dabei durchaus bei der Automobilindustrie eine Scheibe abschneiden. Denn die OEMs müssen schon lange sicherstellen, dass Ersatzteile bereit stehen und ihren Kunden auch detaillierte Reparaturanleitungen zur Verfügung stellen. Wer möchte, kann das Produkt damit bis zur kleinsten Schraube kennenlernen. Super Sache, aber der Aufwand dafür ist enorm. „Reparaturanleitungen basieren heute meist auf technischen Konzepten“, sagt Philipp Noll, Co-Founder von Spread. „Diese werden in Powerpoint-Dokumenten mit Screenshots vom 3D-Modell inklusive Schritt für Schritt-Anleitungen als umfangreiche PDF-Dokumente für die Werkstatt erstellt.“ Das geschieht mit viel internem Ingenieursaufwand und externen Beauftragungen, so Noll.



Wir unterstützen Ingenieure bei der Erstellung und Wartung komplexer Produkte, indem wir ein intelligentes System zur Verfügung stellen, welches die Probleme angeht, die Maschinen besser lösen können als Menschen.

Philipp Noll | CPO SPREAD

Zu den Kunden zählen Produzenten von technischen Produkten wie Hersteller von Autos, Geldautomaten, Fräs- oder Waschmaschinen. Mit Daimler und Porsche arbeitet SPREAD daran, mithilfe eines digitalen Assistenzsystems die Reparierbarkeit ihrer Produkte intuitiver abzubilden und sicherzustellen. Denn Fahrzeuge werden zunehmend digital aufgerüstet. Eine zukunftsgerichtete Reparaturstrategie muss mit der Technologie Schritt halten.

Ingenieure können aufhören, Pingpong zu spielen

Ingenieure können aufhören, Pingpong zu spielenDafür ist die Vernetzung im Unternehmen entscheidend. „Heute kennen viele Ingenieure bestimmte Bereiche eines Produktes sehr gut“, sagt Noll. „Es fehlt aber an einem übergreifenden Verständnis. Bei offenen Fragen müssen Ingenieure oft viel Abstimmungs- oder Suchaufwand betreiben.“ Spread stellt die richtigen Informationen allen Bereichen zur Verfügung und visualisiert sie direkt am virtuellen Produkt. Ingenieure können aufhören, Pingpong zu spielen und ständig Fragen zu beantworten, deren Antwort zwar im Unternehmen bekannt, aber nicht zu finden ist. „Das sind hochbezahlte Mitarbeiter, die dadurch Zeit für Ihren Hauptjob verlieren, nämlich Lösungen für komplexe Anforderungen zu entwickeln und innovativ zu sein“, sagt Noll, der das Einsparpotenzial im Bereich Entwicklung, Produktion und Aftersales im Automotive-Bereich jeweils mit einem hohen zweistelligen Millionenbetrag beziffert.

Für eine weitere deutsche Vorzeigeindustrie, den Maschinenbaubereich, gilt das ebenso. Hier sind Mitarbeiter von Deutschland aus weltweit unterwegs, um im Servicefall Maschinen instandzuhalten oder zu reparieren. Eine vorausschauende Reparaturstrategie, die mit den Tools von Spread möglich wird, kann den Spezialisten so manche Auslandsreise ersparen – ein Vorteil gerade in Pandemie-Zeiten

Wer ein technisches Gerät entwickelt, baut es ja nicht absichtlich so, dass es nachher schwer instandzuhalten ist. Durch den hohen Zeitdruck während der Produktentwicklung wird ein effizientes Reparaturkonzept jedoch oft vernachlässigt.

Philipp Noll | CPO SPREAD

Hier kann Spread den Herstellern mit 3D-Techniken und Augmented Reality-Lösungen helfen. Die Software der Berliner erlaubt einen digitalen Einblick quasi in das „Tiefensystem“ von Fahrzeugen, Maschinen oder Haushaltsgeräten. Sie hilft dabei, defekte Teile innerhalb einer Maschine zu lokalisieren und schlägt die effizienteste Demontage vor, um betroffene Teile zügig zu ersetzen.

Ökodesign-Maßnahmen tragen zu Klimaschutzzielen bei

Das ist nicht nur nice to have, sondern bald ein Muss. Denn die neue Ökodesign-Verordnungen der EU verlangt, dass Ersatzteile mit allgemein verfügbaren Werkzeugen und ohne dauerhafte Beschädigung am Gerät ausgewechselt werden können. Das Ökodesign-Maßnahmenpaket ist aus Sicht der EU ein konkreter Beitrag zu den Klimaschutzzielen. Jyrki Katainen, der bis 2019 als Vizepräsident der Kommission für Beschäftigung, Wachstum, Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit zuständig war, sieht es als Teil einer Entwicklung hin zur Kreislaufwirtschaft, die ein wichtiger Bestandteil des „Green Deals“ der EU ist, den Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Ende letzten Jahres vorstellte. Um das übergeordnete Ziel eines klimaneutralen Europa zu erreichen, sollen weniger Materialien verbraucht werden. Produkte sollen eine längere Lebensdauer haben, sollen wiederverwendbar und recycelbar sein.

Boom der weltweiten Self-Repair-Bewegung

Verbraucher haben den Wegwerftrend ohnehin längst in die Tonne getreten. Der Klimawandel und Bewegungen wie Fridays for Future haben das Bewusstsein für den sparsamen Umgang mit Ressourcen weiter geschärft. Nach Schätzung der EU-Kommission sparen europäische Haushalte durch die neuen Vorgaben zum Energieverbrauch und zu den Energielabels im Schnitt 150 Euro pro Jahr. Bis 2030 rechnet die EU jährlich mit Einsparungen in Höhe des Energieverbrauchs Dänemarks, was Treibhausgase mit einer Klimawirkung von 46 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr vermeidet. Das Bewusstsein zu mehr Nachhaltigkeit ist also längst vorhanden, und die Verbraucher belassen es dabei nicht bei Lippenbekenntnissen, sondern nehmen die Sache selbst in den Hand. Anders ist der Boom der weltweiten Self-Repair-Bewegung nicht zu verstehen, der sich auf Reparaturfestivals wie der „Makers Fair“ oder dem „Fixfest“ manifestiert. Die Leute wollen selbst reparieren lernen, müssen dafür aber auch die Möglichkeit bekommen. Wenn es dann klappt, macht es sogar Spaß. Jedenfalls mehr, als sich in Reparaturforen im Netz ständig zu beklagen.

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